RADIOORTUNG - Hörspiele für Selbstläufer
RADIOORTUNG - Hörspiele für Selbstläufer ist eine neue Hörspielreihe von Deutschlandradio Kultur.
Verschiedene Künstlergruppen entwickeln in den kommenden zwölf Monaten ortsbezogene Handy-Hörspiele für öffentliche Räume in Berlin und Köln. In ihren Stücken erforschen sie die Technologien des mobilen Internet für künstlerische Radioprojekte. Auf einer virtuellen Karte im Netz werden Hörspielfragmente als Audio Datei abgelegt. Im öffentlichen Stadtraum können diese Hörminiaturen dann über ein GPS Handy zum Klingen gebracht werden.
Doch welche Form des Erzählens eignet sich für den Stadtraum? Und welche Geschichten wollen wir erzählen? Wir hätten uns einen Mitmach-Krimi durch die Stadt überlegen können, eine weitere Form der elektronischen Schnitzeljagd. Oder ein Hörspiel, das sich die Hörer an Originalschauplätzen anhören können, z.B. "Berlin Alexanderplatz" - rund um den Alexanderplatz.
RADIOORTUNG ist eine Reaktion.
Uns interessiert bei diesem Projekt vor allem die Technologie, die zunehmende Verbreitung leistungsfähiger Mobiltelefone mit schnellem Internetzugang und Lokalisierungsfunktion (GPS), und die Frage, wie diese Technologie in den Alltag unserer Hörer eingreift. Die smarten Handys von heute erkennen, wo genau sich der Nutzer befindet, in welche Richtung er sich bewegt und mit welcher Geschwindigkeit. Aus der Verknüpfung der Geo- und Bewegungsdaten mit den digitalen Datenspuren, die jeder User im Internet hinterlässt, können Profile für vielfältige Zwecke erstellt werden. Standortbezogene Informationsdienste wie Wikitude sind inzwischen eine verbreitete Möglichkeit, den Ort, an dem ich mich gerade befinde, inhaltlich genau bestimmen zu können. Und auch die Werbe- und Marketingindustrie hat das Potential erkannt. Das heute im Internet angesehene Produkt wird morgen zum maßgeschneiderten Sonderangebot auf meinem Handy, sobald ich mich auf meinem Spaziergang dem Kaufhaus nähere - eine Vision der allernächsten Zukunft.
RADIOORTUNG will diese Entwicklungen mit den Mitteln des Hörspiels untersuchen. Deshalb haben wir Theater- und Hörspielmacher, Performance- und Medienkünstler eingeladen, die sich in ihren Arbeiten bereits mit Interventionen im öffentlichen Raum beschäftigt haben. Die Medien- und Performancekünstler der Gruppe LIGNA realisieren im September 2010 das erste Handy-Hörspiel in Berlin, im Frühjahr und Herbst 2011 folgen dann die Theatermacher der Gruppe Rimini Protokoll sowie Hofmann&Lindholm.
RADIOORTUNG ist eine Intervention.
Die Hörspiele schalten sich in den öffentlichen Raum ein. Ebenso wie uns standortbezogene Werbebotschaften in Zukunft auf dem Handy heimsuchen können, suchen unsere Miniaturen die Hörer über Kopfhörer heim. Sie fordern zum Handeln auf, zum Nachdenken und Reflektieren über den Ort, an dem sich die Hörer gerade befinden. Das Hörspiel empfängt den Hörer, denn das Handy registriert das Zusammentreffen und setzt die Geschichten in Gang. Persönliche, aktuelle, zukünftige, historische, kollektive, fiktive Geschichten legen sich über den realen Ort. Die Stimmen und Geräusche der virtuellen Tonspur mischen sich mit Geräuschen und Beobachtungen vor Ort und verführen zu einer neuen Wahrnehmung.
Wir arbeiten bei diesem Projekt mit Technik, die sich laufend weiterentwickelt. Es werden ganz neue Formen des Erzählens möglich, neue Dramaturgien werden sich ergeben, neue Geschichten und andere Möglichkeiten der Intervention. RADIOORTUNG bleibt ein Experiment.
RADIOORTUNG - Ausgangspunkte
RADIOORTUNG arbeitet auf der Grundlage der offenen Plattform radio aporee. radio aporee wurde von Udo Noll für die Untersuchung öffentlicher Räume an den Schnittstellen von Klang, Kunst, Wissenschaft und Technik gegründet.
Das Projekt radio aporee ::: maps entwickelte sich Ende 2006 aus der Erkenntnis, dass sich der öffentliche Raum letztlich immer einer exakten Bestimmung entzieht, also unkartografierbar bleibt. Vor dem Hintergrund zunehmender Orts- und Raumbezogenheit der Medien und der Popularität visueller Geografien (z.B. Google maps) entstand die Idee, Klang und Karte zu verbinden und einem interessierten Publikum im Internet als offenes Projekt verfügbar zu machen.
Ein weiterer Aspekt des Projekts berührt die sich bereits deutlich abzeichnende Verbreitung und Nutzung leistungsfähiger Mobiltelefone mit Lokalisierungsfunktionen (GPS) und schnellem Internetzugang. Diese Technologien ermöglichen die Kommunikation und Interaktion der Ebenen des "Virtuellen" mit den komplexen Gegebenheiten des jeweiligen Aufenthaltsortes im konkreten Raum. Über das Handy verbindet radio aporee den Klangraum des Archivs mit dem öffentlichen Raum, aus dem diese Klänge stammen.
Udo Noll (*1966) lebt in Berlin und Köln und ist Gründer von radio aporee. Er arbeitet professionell und künstlerisch im Bereich elektronischer Medien.
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